Pressebericht 15.10.2020

Migrationsberatung

Immer mehr EU-Migranten kommen

Marion Martin Walter Wiest 15.10.2020

Marion Martin und Walter Wiest von der Caritas befassen sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Zuwanderung in Deutschland. (Foto: Tanja Bosch)

Die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) gibt es bereits seit 15 Jahren bei der Caritas Biberach-Saulgau. Walter Wiest ist schon von Anfang an als Berater tätig und hat sich auch schon in den Jahren zuvor mit dem Thema Zuwanderung bei der Caritas befasst. "Wer das Wort Migration hört, stellt das meist in direkten Zusammenhang mit den vielen Flüchtlingen, die 2015/2016 zu uns gekommen sind", sagt Walter Wiest. Dieser Blick sei allerdings nur die eine Seite: "In Wahrheit sind die Zahlen der Migranten aus EU-Ländern weitaus höher." Und das stellt Deutschland weiterhin vor große Herausforderungen.
Laut einer Statistik für den Landkreis Biberach leben (Stand 30. April 2020) 3093 Menschen aus Rumänien im Kreis, 2560 aus Kroatien, 2242 aus der Türkei und 1530 aus Polen, demgegenüber stehen 1481 aus Syrien, 465 aus Afghanistan und 171 aus Gambia. "Aktuell leben im Landkreis 123 verschiedene Nationen", sagt Marion Martin, die bei der Caritas Biberach-Saulgau alle Bereiche rund um Zuwanderung, Migration und Integration betreut. "Wir stellen uns gerade sehr breit auf, um die gesamte Migration im Blick zu haben."
Während es in der Öffentlichkeit um das Thema Flüchtlinge etwas ruhiger geworden ist, haben die Migrations- und Integrationsdienste alle Hände voll zu tun. "Zu den Flüchtlingen, die zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan und den afrikanischen Ländern zu uns gekommen sind, kommen nochmal weit mehr als 10 000 Spätaussiedler dazu", sagt Walter Wiest. "Auch wenn die Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre zu uns gekommen sind, haben diese Menschen nach wie vor einen hohen Integrationsbedarf." Manche Klienten kommen seit Jahren und auch Jahrzehnten mit verschiedenen Anliegen zu ihm. "Da gibt es immer noch hohe Sprachdefizite, weil zu Hause zum Beispiel nur russisch gesprochen wird."
"Deutschland war schon immer ein Zuwanderungsland", sagt Marion Martin. "Das ist nicht erst seit 2015 so, das vergessen viele Menschen." Seit den 60er-Jahren habe es immer Zuwanderung und auch Abwanderung gegeben. "Gut 20 Prozent aller Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund", so Martin. Ähnlich sei das auch im Landkreis Biberach. Und für all diese Menschen ist die Migrationsberatung für Erwachsene bei der Caritas sowie beim Deutschen Roten Kreuz zuständig. Sind die Migranten allerdings unter 27 Jahren, greift der Jugendmigrationsdienst in Biberach, der zum Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland gehört.
"Integration ist unter Umständen ein lebenslanger Prozess und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagt Marion Martin. "Viele Klienten kommen seit Jahrzehnten zu uns und benötigen immer mal wieder Hilfe, das zeigt, wie lang der Weg ist." Sei es beim Ausfüllen von Formularen, der Job- und Wohnungssuche oder der Unterstützung bei Behördengängen. "Die Liste ist lang", sagt Walter Wiest. Er befasst sich bei der Caritas bereits seit 35 Jahren mit diesen Themen.


Nachdem nicht mehr so viele Flüchtlinge wie noch vor fünf Jahren zu uns kommen, bestimmen Menschen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten das Bild der Migration. "EU-Staatsangehörige stehen vor ganz anderen Herausforderungen als Geflüchtete, aber auch sie haben einen hohen Bedarf an Beratung und Unterstützung", sagt Wiest. Für die Städte und Gemeinden bedeute das, dass sie sich dauerhaft und strukturell auf Einwanderung einstellen und die Verantwortung für eine erfolgreiche Eingliederung übernehmen müssen, wenn sie es nicht bereits schon tun.
Eine der größten Herausforderungen ist hier die Wohnungssuche: "Alle, die zu uns kommen, brauchen eine Wohnung, der Markt ist aber leer gefegt, deshalb haben wir etliche Wohnsitzlose", sagt Wiest. Auf dem sozialen Wohnungsmarkt müsse sich deshalb dringend etwas tun, "da herrscht großer Druck". Und auch ein großer Konkurrenzkampf.
Allein können die Caritas und die anderen Dienste das alles nicht schaffen, deshalb sind sie immer wieder auf der Suche nach Ehrenamtlichen. "Wir haben wirklich einen guten Stamm von Ehrenamtlichen, die Bereitschaft bei uns im Kreis ist wirklich hoch", sagt Marion Martin. "Aber das interkulturelle Engagement entwickelt sich stets weiter und deshalb müssen wir unsere Strukturen ausbauen."