Schwäb. Zeitung 31.1.2019

Kinder- und Jugendhospiz

Wenn Kinder sterben

Annette Brade Januar 2019

Schwäbische Zeitung, Donnerstag, 31.Januar 2019. Von Dirk Thannheimer
Bad Saulgau. Wenn ein Kind sterbenskrank ist, gerät für die Familie die Welt aus den Fugen. Nichts ist mehr, wie es früher war. Viele Eltern sind in dieser Situation überfordert, verlieren den Halt. Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst der Caritas Biberach-Saulgau unterstützt Familien dabei, diese schwierige Zeit zu bewältigen - mit großer Empathie und einer hohen Sensibilität. Im Dekanat Saulgau koordiniert Annette Brade diesen Dienst. Eine Herzensangelegenheit.
Ein dreijähriges Kind wird aus dem Krankenhaus entlassen - mit der für die Eltern erschütternden Diagnose unheilbar. Das Kind hat noch ein paar Monate, vielleicht noch ein paar Jahre zu leben. Für die Geschwister und die Eltern verändert sich das Leben von einem Moment auf den anderen. "Die Angehörigen können keinen klaren Gedanken mehr fassen", sagt Annette Brade, die noch weitere solcher Beispiele schildern könnte.
Sie berichtet von kleinen Kindern, deren Herz aufgehört hat zu schlagen, von einer Familie mit drei Kindern zwischen fünf und zehn Jahren, deren Mutter, Anfang 30, bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Denn auch von Familien, in denen ein Elternteil erkrankt ist, kann Brade angesprochen werden.
Kinderärzte und Kliniken vermitteln den betroffenen Familien in solchen Fällen den Kontakt zum ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst, der von den im gesamten Gebiet der Caritas Biberach-Saulgau tätigen 22 Begleiterinnen allein im Dekanat Saulgau auf vier Ehrenamtliche zurückgreifen kann.
Sie wurden für diesen Dienst speziell ausgebildet, wissen genau, worauf sie sich einstellen müssen - auf Trauer, auf seelische Schmerzen. "Unser Dienst wird benötigt, von dem Zeitpunkt an, wenn das Kind zu Hause ist - bis über den Tod hinaus", sagt Brade in ihrem Büro im Caritas-Zentrum im Rosengarten in Bad Saulgau, wo sie seit dem Einzug in den Neubau an der Kaiserstraße vor einigen Monaten erste Ansprechpartnerin für betroffene Familien ist.
Wichtiges Erstgespräch
Sie führt, wenn sie angerufen wird, ein Erstgespräch mit der Familie, um Klarheit über die Situation vor Ort zu gewinnen. Gibt es eine Haushaltshilfe, wie ist das familiäre Umfeld, leiden die schulischen Leistungen der Geschwisterkinder unter der psychischen Belastung? "Wenn dann darüber hinaus eine Begleiterin in die Familie kommen darf, gelingt es uns, ein gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen, noch bevor die Krankheit ihrem Ende entgegengeht. Das ist sehr hilfreich für die Begleitung in der Zeit zwischen Tod und Bestattung und danach in der Trauer", sagt Annette Brade, die selbst gelernt hat, den Tod ihrer Eltern in ihr Leben gut zu integrieren. "Dasein und zuhören", sagt Brade, sei dabei schon eine große Hilfe für die Angehörigen. "Wir sind diejenigen, die einen klaren Kopf bewahren, aber auch gemeinsam weinen mit den Eltern und den Kindern", ergänzt Brade. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei eine ganz andere als mit Erwachsenen. "Kinder haben ein ganz anderes Bild vom Tod. Darauf müssen wir eingehen."
Die Begleitung der Kinder und Jugendlichen kann eine lange Zeit dauern, viele Jahre sogar. Manchmal hört sie gar nicht auf, weil die Begleiterinnen zu wichtigen Bezugspersonen geworden sind. "Wir übernehmen gerade für die Kinder eine große Verantwortung", ergänzt Brade, die von einer Begleiterin berichtet, die inzwischen Patentante eines Kindes ist, dessen Mutter in jungen Jahren den Verlust ihres Bruders erfahren musste und froh war, dass der ambulante Kinder- und Jugendhospiz ihr damals zur Seite stand. "Wir erfahren eine Dankbarkeit der Angehörigen", so Brade. Und wie gehen die Begleiterinnen selbst mit dieser schwierigen Aufgabe um? "Wir tauschen uns regelmäßig aus, reden viel miteinander und unterstützen uns dadurch gegenseitig. Auch Supervisionen gehören zu einer guten Begleitung der Ehrenamtlichen", ergänzt die 60-jährige Brade, die sich diesen Dienst am Menschen noch viele Jahre vorstellen kann. "Kinder sind mir schon immer ein großes Anliegen gewesen."
Trotz Trauer und Kummer gibt es für Annette Brade auch Erfolgserlebnisse, die sie darin bestärken, Familien zu begleiten, zu unterstützen und zu entlasten. Ein Ehepaar, so berichtet Brade, habe vor vielen Jahren seinen 14-jährigen Sohn beerdigen müssen. Der Kontakt zu den Eltern sei nie abgebrochen. "Heute haben die beiden wieder Fuß gefasst und neuen Lebensmut gewonnen." Das sei Motivation genug.
Ansprechpartnerin des ambulanten Kinder- Jugendhospizdienstes ist Koordinatorin Annette Brade, Telefon 07351/5005-130, E-Mail brade@caritas-biberach-saulgau.de